Die Hadra
Das arabische Wort hadra bedeutet Anwesenheit und bezeichnet die zentrale spirituelle Zeremonie sufischer Orden. In der Hadra wird die unmittelbare Gegenwart und Liebe Gottes gesucht und in manchmal ekstatischer Weise erfahren. Die Hadra beginnt mit der Anrufung der Engel, Propheten und Heiligen, steigert sich über das Rezitieren von „la ilaha illa-llah“ (der erste Teil des Glaubensbekenntnisses shahada: ‚es gibt keinen Gott außer Gott‘) und erreicht einen oder mehrere Höhepunkte während des Wiederholens des Namen „Allah“.
Alles Singen der Qasaid kommt von Herzen, um die Herzen zu berühren. Die „Qualität“ des Singens ist daher keine Frage der „technisch“ guten Interpretation. Basierend auf einem regelmäßigen (Herz-)Schlag – intoniert durch die Vokalisierung von „Allah“, durch Händeklatschen oder Percussion – geben afrikanische Rhythmen den Ton an.
Oft steigt das Tempo mit zunehmender Spannung bzw. Hingabe, weshalb die Sänger insbesondere während der Hadra das Tempo des Gesangs zu halbieren oder ein neues Qasaid anstimmen, um sich auf den Rhythmus einzustellen. Die meisten Melodien basieren auf einer pentatonischen Tonleiter, wobei die Versmelodien (mittleres und oberes Register) sich stets auf den entsprechenden Refrain beziehen (unteres/mittleres Register).
In der Regel bringt der jeweilige Solosänger den Refrain seiner Wahl ein, der vom Chor dann nach jedem Vers wiederholt wird. Während der Hadra (zwischen den Perioden mit intensivem Rhythmus und Körperbewegung) werden auch sama’i, sogenannte „stille“ Qasaid, gesungen – ein Sologesang basierend auf traditionellen Melodien ohne weitere Unterstützung, aber mit mehr Freiheit für den Sänger, seiner Inspiration zu folgen.