Sufismus – der innere Weg des Islam

Das Sufitum (arabisch: tasawwuf) wird allgemein als die mystische Dimension des Islam bezeichnet. Für die Sufis selbst ist dies die Vervollständigung der Religion, die Verwirklichung der Hingabe an Gott, die Erfahrung der Liebe im Herzen. Der Begriff Sufismus leitet sich von dem Wort safa (klar) ab. Zu der islamischen Lebensweise praktizieren die Sufischüler zusätzliche Übungen und Gebete, die der Reinigung des Herzens und der Heranbildung des feinen Charakters (adab) dienen. Sicherheit und Klarheit auf dem Weg (tariqa) wird durch die liebevolle Führung des Scheichs (geistig-spiritueller Lehrer) gewährleistet. Der Sufischüler erfährt so Herausforderungen und Wachstum im rechten Maß, zur rechten Zeit.

Das Sufitum beginnt mit dem Propheten Mohammed ﷺ. Die Liebe und Verbundenheit zu Mohammed ﷺ und seiner Familie sind daher die Grundlage des Sufiweges, die ein tiefes Geheimnis in sich birgt. Die frühe Zeit des Sufismus ist geprägt von Persönlichkeiten wie Junaid, Rabia, Ibn Arabi und anderen. Ab dem 12. Jahrhundert bildeten sich Sufiorden (turuq), von denen viele bis heute lebendig sind. Gemeinsam ist allen Sufis die zentrale Praxis des dhikr (Gottesgedenken). dhikr kann sowohl einzeln in stiller Meditation als auch gemeinsam in der Hadra durchgeführt werden. Der dhikr öffnet das Herz für die Liebe und Gotteserfahrung.

*ﷺ bedeutet salla-allahu alaihi wa sallim – Friede sei mit Ihm – ein Segensgruß für den Propheten Mohammed ﷺ

 

The early morning in Medina - December 2022
Der frühe Morgen in Medina – Dezember 2022
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Sufismus und Islam

Wie ist das Verhältnis von Sufitum und Islam?
Das Sufitum ist das Herz der islamischen Offenbarung. Islam und Sufitum sind untrennbar miteinander verbunden wie die Speichen und die Nabe in einem Rad. Der Islam, die äußere (exoterische) Seite der Religion, ist das Rad, der Sufismus die Nabe, um die sich das Rad dreht. Die Speichen, die vom Rad zur Nabe führen, sind die verschiedenen Wege (arabisch: tariqa, pl. turuq), auf denen sich den Suchenden die innere Wirklichkeit der Religion erschließt (siehe auch Stufen der Religion).

Gibt es im Qur’an Hinweise auf den Sufismus?
Im Koran gibt es viele Verse, die darauf hinweisen und tiefes, inneres Wissen vermitteln. Zahlreiche Kommentare und Anhandlungen großer Sufimeister beschäftigen sich mit diesen verborgenen Schätzen. Sehr häufig spielt der Koran auch auf den dhikr (Gottesgedenken) an, die zentrale Praxis der Sufis. Z.B. in folgenden Versen (ungefähre Übersetzung):

  • Und gedenke Deines Herrn in Deinem Herzen in Demut und Furcht, ohne laut vernehmbare Worte am Morgen und am Abend.“ (Sure 7, Vers 205)
  • „Wahrlich, das Gebet hält einen von schlechten Taten ab, und Gottesgedenken ist das Höchste.“ (Sure 29, Vers 45)
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Sufiorden

Sufi-Orden sind spirituelle Gemeinschaften von Menschen, die unter der Anleitung eines Lehrers – eines Scheichs – einen bestimmten inneren Weg zu Gott gehen.
Dieser Weg wird nicht abseits der Welt beschritten, sondern mitten im Alltag gelebt. Die Mitglieder leben in ihren Familien, Berufen und Gemeinschaften – ohne Zölibat, ohne Klosterleben.
Jeder Orden hat dabei eigene Methoden und Praktiken, doch alle eint das Ziel: die Reinigung des Herzens, die Veredelung der Seele und die Annäherung an Allah. Gemeinsam ist ihnen auch die Liebe zum Propheten Mohammed ﷺ, die islamische Lebensweise und vor allem das Dhikr, das Gedenken an Gott – als zentrales Element der spirituellen Praxis.

Seit wann gibt es Sufiorden?
Der Sufismus besteht seit der Zeit des Propheten Mohammed ﷺ, die Orden entwickelten sich jedoch erst im 12. Und 13. Jahrhundert. Wichtige Ordensgründer waren Sayyidi Ahmad ar-Rifai, Sayyidi Ahmad al Badawi, Sayyidi Abdu- Qadir al Jilani und Sayyidi Ibrahim al Qurashi ad-Disuqi. Aus den Stammorden haben sich viele Zweige gebildet, von denen viele heute noch lebendig sind.

Wozu verpflichtet sich ein Mitglied eines Sufiordens?
Wesentlich ist, dass der Schüler den Scheich durch einnen inneren Entschluß und mit einer äußeren Erklärung als seinen Lehrer annimmt. Alle anderen Verpflichtungen folgen daraus und stehen immer in der eigenen Verantwortung und Freiwilligkeit des Schülers.

Burhani Men at Hadra and Flag
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Meister und Schüler

Wie ist das Verhältnis von Meister und Schüler?
Die Beziehung des Schülers zum Scheich ist wie die eines Lehrlings zu seinem Meister, sie sollte von Gehorsam und Hingabe geprägt sein. Auch wer ein Handwerk lernen will, muss tun, was der Meister ihm sagt, selbst wenn die Aufgabe ihm zunächst unsinnig scheint; und er muss darauf vertrauen, dass sie sich noch als sinnvoll erweisen wird. Tut er es nicht, geschieht weiter nichts, als dass der Lehrling eben nichts lernt. Die Verankerung des Scheichs im Islam und seinen Gesetzen dient dem Schüler als Schutz.

Wozu braucht man einen Meister?
Wer einen inneren Weg konsequent geht, benötigt einen Lehrer, der ihn sicher durch die Höhen und Tiefen inneren Erlebens führt, der ihn liebevoll ermuntert und ihm zur richtigen Zeit die richtigen Erfahrungen vermittelt.

Wer wird Sufi-Scheich?
Die Führung einer Tariqa wird traditionell vom lebenden Scheich an seinen Nachfolger weitergegeben. So entsteht die Silsila, die Kette der Scheichs, die in jedem klassischen Orden bis zum Propheten Mohammed ﷺ zurückreicht.

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Praxis des Sufismus

Was muß ein Sufischüler tun?
Der Sufischüler und die Sufischülerin legen besonderen Wert auf den inneren Aspekt des Islam, den sie in ihrem Leben zu verwirklichen suchen. Dazu gehört vor allem die Liebe zum Propheten Mohammed ﷺ und zu seiner Familie. Bei ihrem Eintritt in den Orden werden ihnen bestimmte, für ihre Tariqa spezifische Übungen und Gebete gegeben, die sie nach eigener Verantwortung ausführen. Zentrale Übung ist das Gottgedenken (dhikr). Auf seinem inneren Weg durchwandert der Sufischüler verschiedene Zustände und Stadien, Prozesse der Selbsterfahrung und Gottesnähe gemäß der heiligen Überlieferung „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn“.

Wie vereinbart man Sufismus mit dem westlichen Alltag?
Der Sufismus betrachtet das tägliche Leben als Herausforderung an die Entwicklung des Herzens und der Seele. Der Schüler strebt danach, Gott in allem wohlgefällig zu sein und Ihn in allen Aspekten Seiner Schöpfung zu erkennen und zu ehren – im Umgang mit Menschen, mit der Natur, im Beruf und in der Familie. Da die meisten Orden, die sich im Westen verbreiten, die Integration in die Gesellschaft anstreben, fallen ihre Mitglieder weder durch außergewöhnliche Kleidung noch durch besonderes Verhalten auf.

Tariqa Burhaniya Aquarell

Kann ich Sufismus allein praktizieren?
Die spirituellen Übungen der einzelnen Orden sind auf konkrete innere Ziele und Erfahrungen ausgerichtet. Einige davon können auch von Menschen ohne feste Anbindung an einen Orden praktiziert werden und sie auf ihrem persönlichen Weg unterstützen. Eine Praxis jedoch, die ohne spirituelle Führung und ohne den schützenden Rahmen eines Scheichs erfolgt, ist nicht empfehlenswert und kann unter Umständen sogar schädlich sein. Der Weg des Sufismus gleicht einem Hochgebirge – ohne einen erfahrenen Führer lässt es sich kaum sicher durchqueren.

Wozu brauchen wir die Gemeinschaft?
Im Islam und im Sufismus spielt die Gemeinschaft (umma) eine große Rolle. Sie bietet Nähe und Geborgenheit, Halt und Unterstützung in kritischen Phasen, und sie ermöglicht soziales Lernen, das gleichzeitig dem Einzelnen bei der „Reinigung des Herzens“ und Verfeinerung seines Charakters hilft. So bemüht sich z.B. der Sufischüler – gemäß der Überlieferung „Der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen“ – den Fehler, den er am anderen bemerkt, in sich selbst zu korrigieren.

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Frauen und Männer

Welche Rolle spielt die Frau im Sufismus ?
In der Geschichte des Sufismus gab es zahlreiche weibliche Heilige, die auch Männer unterrichtet haben. Die berühmteste von ihnen ist Rabi’a von Basra, die häufig mit der Heiligen Teresa von Avila verglichen worden ist. Der große Sufischeich Muhyiddin Ibn al Arabi berichtet von zwei Frauen, bei denen er Unterweisungen erfuhr und die zu ihrer Zeit höchste Verehrung erfuhren. Die Liebe des Mannes zur Frau ist in der Sufilyrik oft Gleichnis für die Liebe des Menschen zu Gott, wie in der berühmten Liebesgeschichte von Leila und Majnun.

Gibt es Frauen in den Sufiorden?
Ja, vor allem in den Orden, die sich im Westen ausbreiten. In füheren Jahrhunderten traten Frauen, die Mitglieder eines Sufiordens waren, in den islamischen Ländern vielfach öffentlich nicht in Erscheinung. Das ist heute jedoch anders. Die Tariqa Burhaniya hat in vielen islamischen Ländern weibliche Mitglieder, in Deutschland sind etwa die Hälfte der Mitglieder Frauen.

Women visiting the maqam of Maulana Moh Otham Abdul Burhani

Frauen besuchen den Maqam von Maulana Mohammed Osman Abdu al Burhani in Khartoum

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Der Weg zum Weg

Wie wird man Sufischüler?
Der äußere Weg besteht darin, dass man einen Orden und einen Scheich findet und seine Zugehörigkeit erklärt. Die inneren Wege dorthin sind so verschieden wie die Menschen, die sie gehen. Manche suchen gezielt und bewusst, andere kommen auf den Weg durch Träume, manche werden durch seltsame Zufälle und Fügungen geleitet. Sufismus ist „Schmecken der Wahrheit“, wie es in vielen Sufigedichten heißt. Bei den einen kommt diese Erfahrung blitzartig, bei den anderen ist sie Ergebnis einer langen Entwicklung.

Wie findet man einen Lehrer?
In unserer Tradition heißt es, dass der Meister den Schüler sucht, nicht umgekehrt. Daher berichten viele Sufischüler von Träumen, in denen sie einen deutlichen Ruf wahrnahmen. Die äußere Suche des Schülers kann oft verwirrend sein, zumal es auch Lehrer gibt, die für bestimmte Zeiten und Gelegenheiten nützlich sind und Sehnsüchte befriedigen können. Die Einbindung des Lehrers in den Islam und die Beachtung seiner Gesetze sind daher eine wichtige Richtschnur für den Einzelnen, ebenso wie Besonnenheit und Geduld bei der Suche.

Tariqa Burhaniya Karthum
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Khartum

Die Stufen der Religion

Sufis verstehen Religion als Erfahrung absoluter Wahrheit oder Gewissheit (arabisch: yaqin) und es gibt verschiedene Weisen, sich dieser Gewissheit zu nähern. Im Arabischen bezeichnet man die Stufen der Religion als IslamIman und Ihsan und das Sufitum versteht sich als Vervollständigung der Religion.
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Tariqa Burhaniya

Ursprung und Überlieferung der Tariqa Burhaniya

Sayyidi Abul Hasan ash-Shadhuli und Sayyidi Ibrahim Disuqi begründen die Tariqa Burhaniya im 13. Jahrhundert – daher rührt der vollständige Name Tariqa Burhaniya Disuqiya Shadhuliya.
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Burhaniya Weltkarte

Tariqa Burhaniya weltweit

Die Welt der Tariqa Burhaniya kennt keine Grenzen. Burhanis gibt es auf jedem Kontinent, in vielen Städten …
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Events und Feiertage

In vielen Städten treffen wir uns zu Hauliyas, ehren unsere Scheichs und feiern gemeinsam die Mulids und Feste des islamischen Jahres.
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